Teilprojekte
Das Projekt HIRGEV besteht aus vier inhaltlich ausgerichteten Teilprojekten sowie einem Querschnitts-Arbeitspaket zu Netzwerkarbeit, Translation und Öffentlichkeitsarbeit. Jedes Teilprojekt bringt eine eigene fachliche Perspektive in die Erforschung hitzeresilienter Gesundheitsversorgung ein.
Teilprojekt I: Sekundärdatenanalyse
Im Teilprojekt I wird auf Basis individueller Versichertendaten mithilfe etablierter statistischer Modelle der Zusammenhang zwischen Temperatur und Mortalität sowie hitzeassoziierten Erkrankungen beschrieben und quantifiziert. Hierbei werden zunächst Modelle für einzelne Regionen unter Berücksichtigung möglicher weiterer Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht, Luftfeuchtigkeit, Feinstaub (PM2.5) und saisonale Variablen erstellt. Anschließend werden die regionalen Modelle zu einem Gesamtmodell für Deutschland gepoolt. Auf Grundlage dieser Ergebnisse soll es möglich sein, Entwicklungen in den Mortalitäts- und Morbiditätsinzidenzen bei erwarteten zukünftigen Temperaturveränderungen zu prognostizieren.
Teilprojekt II.I (UKE): Vulnerabilitätsindex
Im ersten Teil des Teilprojekts II wird untersucht, welche Regionen besonders anfällig, d.h. vulnerabel, für gesundheitliche Belastungen durch Hitze sind. Dafür entwickeln wir einen Vulnerabilitätsindex, der Regionen identifiziert, in denen hohe thermische Belastungen und regionsspezifische Risiken gemeinsam auftreten können. Dieser Index soll helfen, gefährdete Regionen sichtbar zu machen und Grundlagen für gezielte Anpassungsmaßnahmen zu schaffen. Die Analyse der Vulnerabilität erfolgt multivariat, das heißt, es werden verschiedene Einflussfaktoren gleichzeitig berücksichtigt. Dazu zählen unter anderem:
- Räumliche Faktoren, wie der Anteil versiegelter Flächen, die zur Erwärmung des Umfelds beitragen.
- Bevölkerungsbezogene Faktoren, etwa der Anteil der Menschen über 65 Jahre, die besonders sensibel auf Hitze reagieren.
- Anpassungskapazitäten, wie die Erreichbarkeit der nächsten Arztpraxis, die im Ernstfall eine schnelle medizinische Versorgung ermöglicht.
Diese und weitere Variablen fließen in die Entwicklung des Vulnerabilitätsindex ein. So entsteht ein umfassendes Bild der Strukturen, die Hitzegefährdung begünstigen oder abmildern. Der Vulnerabilitätsindex soll Entscheidungsträger:innen unterstützen, indem er zeigt, wo Handlungsbedarf besteht und welche Regionen hinsichtlich des Bevölkerungsschutzes gegenüber hohen thermischen Belastungen fokussiert werden sollten.
Teilprojekt II.II (FfM): Vulnerabilitätsstudie
Spezifische Daten zur realen Lebenswelt der älteren Bevölkerung im Bezug auf Hitze werden durch das Gesundheitsamt Frankfurt am Main generiert. Die Stadt der Hochhäuser findet sich regelmäßig in den TOP 5 der heißesten Städte Deutschlands und bietet damit nicht nur eine gute Forschungsgrundlage, sondern zeigt auch die Notwendigkeit einer Analyse von Hitze auf die Gesundheit vulnerabler Bevölkerungsgruppen. Das Frankfurter Teilprojekt fokussiert sich hierbei auf die ältere Bevölkerung und stellt sich u.a. folgende Fragen:
- Wie erlebt die Bevölkerungsgruppe ab 65 Jahren heiße Tage und wie geht sie damit um?
- Wie sinnvoll und wirksam sind bereits bestehende Hitzeschutzmaßnahmen und wo muss noch nachgebessert werden?
Um Vergleichswerte zu erzielen, werden zusätzlich auch Befragungen in den hessischen Landkreisen Marburg-Biedenkopf, Lahn-Dill-Kreis, Vogelsbergkreis und Kreis Bergstraße durchgeführt.
Teilprojekt III: Simulationsstudie
Ein Ziel des Teilprojektes III ist die Entwicklung eines mathematischen Modells auf Basis sogenannter Differentialgleichungen, mit dem Auswirkungen von Hitzeereignissen auf Krankenzahlen und das Gesundheitswesen simuliert werden können. Aufbauend darauf kann das Modell genutzt werden, um geeignete Gegenmaßnahmen zu finden und so die negativen Effekte von häufigeren, längeren und intensiveren Hitzeereignissen eindämmen zu können. Abschließend sollen diese mathematischen Strategien in ausführbare Maßnahmen übertragen werden und somit zur Erhöhung der Resilienz des Gesundheitssystems gegenüber Hitzeereignissen beitragen.
Teilprojekt IV: Workshops zu Extremhitze im Gesundheitswesen Der Fokus besteht in der Durchführung von Planbesprechungen zu den Auswirkungen von Extremhitze auf Gesundheitseinrichtungen und beschäftigt sich mit der Frage:
"Was ist zu tun, wenn sich eine Hitzewelle zu einem echten Notfall entwickelt?"
Planbesprechungen sind ein Instrument des Krisenmanagements, in denen ein fiktives, zukünftiges Ereignis durchgespielt wird. Die Workshops schaffen einen strukturierten Raum, in dem Vertretende unterschiedlicher Berufe und Institutionen Risiken bewerten, Verantwortlichkeiten klären und realistische Lösungswege erarbeiten. Durch die Diskussion konkreter Belastungssituationen für Gesundheitseinrichtungen werden Schwachstellen in Prozessen, Infrastruktur und Kommunikation sichtbar, die gezielt in Maßnahmen überführt werden. Die Ergebnisse fließen in übertragbare Empfehlungen und Werkzeuge ein, die Einrichtungen bundesweit dabei unterstützen sollen, den Hitzeschutz weiterzuentwickeln.
Begleitung Teilprojekt I, III: Gesundheitsökonomische Evaluation
Die zugrunde liegende Hypothese der gesundheitsökonomischen Evaluation lautet, dass Hitze zu einer sich verändernden Kostenstruktur der Versorgung aus der Perspektive der Gesetzlichen Kostenträger beitragen wird. Anhand krankheitsspezifischer Kostenanalysen werden die direkten, indirekten und intangiblen hitzebedingten Mehrkosten ermittelt. Ziel ist es, durch die Ermittlung der Mehrkosten die gesamtgesellschaftliche ökonomische Bedeutung von Hitzeereignissen zu identifizieren. Durch die Messung und den Vergleich der wirtschaftlichen Belastung der Gesellschaft können derartige Analysen den Entscheidungsträgern im Gesundheitswesen dabei helfen, Strategien und Maßnahmen für die Gesundheitsversorgung abzuleiten, Prioritäten zu setzten und soll damit eine Grundlage für rationalere gesundheitspolitische Allokationsdiskussionen schaffen.